Es wird doch wohl alles gut sein mit der Chancengleichheit!?

Liechtenstein hat sich bisher in der Gleichstellung von Frauen und Männern nicht gerade hervorgetan. Es führte als letztes Land Europas das Frauenstimmrecht ein. Die Stabstelle für Chancengleichheit wird politisch seit Jahren geschwächt. KiTa-Plätze sind Mangelware. Die Quittung für die Apathie in der Chancengleichheit hat Liechtenstein kürzlich besonders dramatisch bekommen: Frauen hatten an den Gemeindewahlen eine fünf Mal geringere Wahlchance als Männer, der Trend hat sich in Vergleich zu bisherigen Wahlen gar verschärft. Frauen wird weniger zugetraut als Männern, denn weibliche Vorbilder in Führungspositionen sind rar. Der Blick auf die Landesverwaltung, die als Staatsbetrieb Vorbildfunktion einnehmen müsste, zeigt dies besonders gut. Nur 15 Prozent der Führungspositionen werden von Frauen besetzt. Im Vergleich: In der Schweiz sind es immerhin 26 Prozent. In der Liechtensteiner Privatwirtschaft machen Frauen in Führungspositionen immerhin schon 29 Prozent aus. Während in allen umliegenden und in den meisten europäischen Ländern mit Geschlechterquoten oder Frauenförderungsmassnahmen gegen dieses Ungleichgewicht vorgegangen wird, hat der Liechtensteiner Landtag die Chance nicht genutzt: Die Freie Liste wollte mit einem Postulat die Regierung prüfen lassen, ob Fördermassnahmen für Frauen in Führungspositionen und Geschlechterquoten in der Landesverwaltung zielführend sind. Aus Sicht der Freien Liste können alte Rollenmuster nur aufgebrochen werden, wenn es weibliche Vorbilder gibt und Frauen in leitenden Positionen zur Normalität werden. 11 Abgeordnete haben sich für die Überweisung des Postulats ausgesprochen und sich ernsthaft auf das Thema eingelassen, darunter sämtliche fünf Frauen, die im Liechtensteiner Landtag sind. Sie haben bestätigt, dass es nicht reicht, Frauen gut auszubilden, sondern dass Frauen auch im Beruf gezielter gefördert werden müssen. Daran sieht man sehr schön, dass ein Mehr an Frauen in Entscheidungspositionen auch andere Entscheidungen oder Beschlüsse hervorbringen könnte. Die Mehrheit der Abgeordneten wollte von ihrem Glaubenssatz, dass in Liechtenstein Frauen bereits die gleichen Chancen haben wie Männer, nicht abweichen. Ungeprüft der Faktenlage! Es fielen Sätze wie «der Trend bei Wahlen werde wohl nicht so negativ sein, wie das Postulat dies darstelle». Die Mehrheit der männlichen Abgeordneten wollte die Regierung nicht einmal prüfen lassen, wie die Lage ist und ob es Verbesserungsmassnahmen braucht. Sie liessen sich wohl vom Wort «Quote» zu stark reizen. Dies, obwohl sogar die FBP Regierungsrätin im Vorfeld eine breite Diskussion zu Frauenquoten in Stiftungsräten und Kommissionen gefordert hat.

Einfach mal zu «glauben», dass Rollenmodelle in Liechtenstein nicht zu Ungunsten der Frauen wirken und diese sture Verweigerung, sich mit der Liechtensteiner Realität auseinanderzusetzen, wird unsere Gesellschaft nicht aus der Chancengleichheitsapathie holen können. Wäre es die Politik den Frauen nicht langsam schuldig, wenigstens genau hinzuschauen und Gleichstellung von 51 Prozent der Bevölkerung nicht als Randthema abzuqualifizieren? Wir sind enttäuscht über das Bild, das der Landtag bei diesem Thema nach aussen abgibt. Nicht einmal ein Auftrag zur Überprüfung mittels Postulat ist derzeit im Landtag mehrheitsfähig. Während die umliegenden Länder die Chancenungleichheit anerkennen und mit Fördermassnahmen und Geschlechterquoten bereits immense Fortschritte erzielen, wird das Thema in Liechtenstein blockiert: Wie einst das Stimm- und Wahlrecht für Frauen, wie heute der Ausbau von KiTa-Plätzen, wie heute auch die Besetzung der Stabstelle Chancengleichheit.

Die Landtags-Fraktion der Freien Liste: Wolfgang Marxer, Helen Konzett Bargetze, Thomas Lageder, Andreas Heeb und Patrick Risch