Kanariengelbe Interpretationen

Die meisten Statistiker werden sich gegen das Sprichwort «Traue keiner Statistik, die DU nicht selbst gefälscht ha(s)t» wehren, selbst wenn sie ein gesundes Misstrauen gegenüber Statistiken haben. Denn sie können sehr genau zwischen «Fälschung» und «falschem Eindruck erzeugen» unterscheiden. Mit etwas Aufwand kann auch ein Laie erkennen, dass eine Statistik – auch wenn sie nicht «lügt» – einen falschen Eindruck erwecken kann, wenn sie einiges verschweigt.

Auch in anderen Bereichen kann ein zweiter Blick – gerichtet auf das, was nicht da ist – helfen. Es könnte beispielsweise auffallen, dass der Personalaufwand nicht nur die Summe der Bruttolöhne sondern unter anderem auch Sozialleistungen und Ausbildungskosten umfasst oder dass bei einer gleichmässigen Lohnverteilung ein vergleichsweise hoher Medianlohn bei einem vergleichsweise tiefen Durchschnittslohn resultieren kann.

Werden wichtige Aspekte ignoriert, werden Zahlen und Fakten schnell zu billiger Polemik. Aber am rechten Ufer, von wo aus ein paar Orientierungslose gegen den Wind «schiffen», will selten jemand sich selbst gespiegelt sehen. So erscheinen die regierungstreuen Neoliberalen plötzlich am anderen Ufer, weil die «in sich selbst Versunkenen» lieber seichte Kapitalismuskritik betreiben als ein Symptom des Kapitalismus zu bekämpfen oder weil die «Weissen» in anderen Belangen von der Meinung der Regierung abweichen als die selbsternannte «einzige Opposition». Und wenn eine Zeitung verschweigt, dass nicht nur eine Frau sich gegen eine diskriminierende Institution wendet, wird gefolgert, dass diese Frau so als stutenbissige Emanze hingestellt werden soll. Ist das schlechter als eine Gruppe von Frauen als stutenbissige Emanzenherde hinstellen zu wollen oder ist es so, dass eine Person, die eine Position alleine vertritt, als AussenseiterIn und damit negativ wahrgenommen werden muss – zumindest vom Autor des betreffenden Artikels?

Zum Glück sind die Menschen in Liechtenstein aber mündig genug, um dieses fiese Spiel zu durchschauen. Engagierte BürgerInnen könnten sogar nachfragen, wie viel sich «fufflfupp» für die Öffentlichkeitsarbeit für die Regierungs- und Landtagslösung zur PVS-Sanierung aus der Staatskasse bezahlen lässt. Und sicher wissen die WählerInnen – die ausser bei der Wahl der Vorsteher nicht einfach Personen wählen können – auch, dass eine Abstimmungsparole einer Partei Profil gibt. Manche Parteien möchten ein gefestigtes Profil und sind bereit, in bestimmten Fragen gegen andere Stimmen in der Partei einen Mehrheitsentscheid zu fällen.

Klar, wenn – wie in Liechtenstein zu oft üblich – etwas als das Gelbe vom Ei verkauft und anderes (bei dieser Metapher und manchem Thema das Weisse) ignoriert wird, sollte das zu denken geben. Wenn es angeblich keine Alternativen gibt, nur etwas richtig ist, sollten die Prämissen, aus denen diese Alternativlosigkeit gefolgert wird, genau analysiert werden. Zum Beispiel könnte argumentiert werden, dass eine Partei, die die unterschiedlichen Meinungen in der Bevölkerung vertritt, nicht gewählt werden kann, weil die WählerInnen nicht wissen, welche Meinung sie mit ihrer Wahl unterstützen. Doch diese Argumentation geht davon aus, dass die Menschen tatsächlich eine Linie verfolgen wollen oder dass es Alternativen gibt, bei denen die Menschen wissen, was sie bekommen – und das auch noch wollen. Die Menschen wollen aber eben alles – zumindest die Möglichkeit davon. Und das scheinen sie zu bekommen. Bei vielen Aussagen der Überraschungseier, die sich in einer gelben Hülle zeigen, kann man/frau lachen und weinen zugleich.

Richard Brunhart