Politik geht durch den Magen

Das Sprichwort «Erst kommt das Fressen, dann die Moral» wird heute öfter im übertragenen Sinn verwendet – zumindest hierzulande ist weniger Nahrung als materieller Wohlstand gemeint, denn zu essen haben alle genug. Doch es gilt auch immer noch im wörtlichen Sinn. Unser Konsumverhalten im Allgemeinen und unsere Essgewohnheiten im Besonderen haben wohl viel mehr mit der weltweiten Unterernährung zu tun, als wir glauben möchten.

Es wird kein Zufall sein, dass Fairtrade und biologische Landwirtschaft ihre Ursprünge bei Nahrungsmitteln haben, auch wenn heute unter anderem bei Textilien die Art der Herstellung für viele Menschen eine ähnlich bedeutende Rolle spielt. Doch gerade beim Essen wird etwas deutlich, was wir lieber nicht wahrhaben möchten: Ohne Verzicht geht es nicht. Der Fleischhunger der Massen ist kaum zu decken.

Abgesehen davon ist das Problem einer «artgerechten Schlachtung» nicht ausdiskutiert. Im Exzess, in skandalösen Praktiken, die für Aufsehen sorgen, zeigt sich das grundlegende Problem: Tiere sind in den meisten Gesellschaften eben nicht nur Tiere, sondern auch eine Ware. In den Tierfabriken wird dieser Warencharakter konsequent zu Ende gedacht und gebracht. Ähnlich verhält es sich mit den Exzessen im Kapitalismus, die eben den grundsätzlichen Charakter des Systems viel eher zu Tage fördern als die alltägliche Ausbeutung, die aber auch Realität ist.

Diese Logik, bei der die Bedürfnisse von Mensch und Natur weiter zu Gunsten der Nachfrage in den Hintergrund gedrängt werden, ist trotz der negativen Auswirkungen immer noch auf dem Vormarsch. Doch es gibt auch Gegenbewegungen. In Berlin gingen am 17. Januar rund 50’000 Menschen auf die Strasse, um für eine Agrarwende zu demonstrieren (http://www.wir-haben-es-satt.de) Anschliessend konnten sich die DemoteilnehmerInnen verpflegen, konsequenterweise vegan.

Dieses Beispiel verschiedener Volksküchen sollte auch in anderen Zusammenhängen verstärkt nachgeahmt werden – besonders wenn es um Häppchen bei Anlässen geht, bei denen die Umwelt im Vordergrund steht. Die öffentliche Hand dürfte ebenfalls mehr wagen, wenn es um ihren Einflussbereich geht, zum Beispiel bei Nahrungsmitteln in Tagesschulen.

Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, was sie essen dürfen. Abgesehen davon, dass Verzicht zu fordern leicht an Anmassung grenzt, ist Fleischkonsum zu sehr Normalität – ebenso wie der Kapitalismus zu sehr Normalität ist, um die Menschen von heute auf morgen für eine andere Idee zu gewinnen. Doch die öffentliche Hand sollte nicht der verlängerte Arm der unsichtbaren Hand des Marktes sein. Vielmehr sollte er sinnvollen Konsum fördern und noch mehr beim eigenen Konsum auf die Konsequenzen achten.

Richard Brunhart, Gemeinderatskandidat von Vaduz