Nachruf Karin Jenny
Es gibt Menschen, die fehlen nicht nur, weil sie gegangen sind. Sie fehlen, weil sie eine Lücke hinterlassen, die man nicht schliessen kann, ohne etwas von sich selbst zu verlieren.
Karin war so ein Mensch.
Sie hatte diesen wachen, unbestechlichen Blick auf die Welt. Einen Blick, der nicht über Ungerechtigkeiten hinwegsah, sondern sie wahrnahm, einordnete und benannte. Vielleicht war es ihre journalistische Herkunft, sicher aber war es ein starkes, inneres Bedürfnis, das sie dazu bewegte, Themen anzusprechen, auch dann, wenn es unbequem wurde. Klar in der Sache, präzise in der Sprache und getragen von einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Karin war eine politische Persönlichkeit im umfassendsten Sinn. Politik bedeutete für sie nicht taktische Manöver oder persönliche Befindlichkeiten, sondern Verantwortung. Verantwortung für die Menschen, für die Stärkung demokratischer Rechte und ganz besonders für die Rechte der Frauen. Mit ihrem Engagement, ihrem klaren Denken und ihrer durchaus spitzen Feder hat sie als ehemalige Geschäftsführerin den Kern und das Gesicht der Freien Liste über viele Jahre hinweg massgeblich mitgeprägt. Sie war eine Frau, die Haltung lebte und einforderte.
Sie war ein moralischer Kompass und eine unerschrockene Kämpferin. Wenn sie Unrecht wahrnahm, sprach sie es an, war sie nicht konfliktscheu – eine Eigenschaft, mit der man sich hierzulande sonst eher schwertut. Karin eckte damit auch an, zwangsläufig. Doch wer bereit war, genauer hinzuschauen, erkannte hinter der Schärfe eine ausserordentlich engagierte Persönlichkeit mit einem grossen Herzen für die Menschen, mit Humor, Aufrichtigkeit und Wärme.
Karin war auch eine Freundin der leiseren Töne. Sie liebte die Natur, die Kunst und Kultur, das Lesen, das Vielseitige, das Überraschende. Sie war interessiert, wach, offen.
Wer mit Karin freundschaftlich verbunden war, erlebte sie als loyal und grosszügig. Bei ihr wusste man immer, woran man war. Keine Umwege, keine Unklarheiten, keine unnötigen Verzierungen. Das war manchmal herausfordernd und gleichzeitig ein Geschenk. Denn Ehrlichkeit ist ein Geschenk, auch wenn sie nicht immer bequem ist.
Am 20. Dezember 2025 ist Karin Jenny gestorben.
Was bleibt, ist die Trauer über ihren Verlust und grosse Dankbarkeit. Dankbarkeit für ihre Haltung, ihren Mut und ihre Klarheit. Und die Verantwortung, das weiterzutragen, wofür sie stand.
Karin, du fehlst. Unser Mitgefühl gilt Karins Familie und allen Menschen, die ihr nahestanden. Auf ihrer Todesanzeige stand ein Zitat von Erich Fried. Weil es so viel von dem ausdrückt, was bleibt, möchten wir den Nachruf mit diesen Worten schliessen: «Es ist, was es ist, sagt die Liebe.»
Vorstand der Freien Liste